Bilderbogen No.5

Siebdruck, 59x45 cm

Thyra Sönnichsen, genannt Mille, kam am 1. August 1914 als Siebenmonatskind in Toftum auf Föhr zur Welt. Der Pastor kam zur Nottaufe und die Großmutter meinte, dass ein Kind, das so klein ist, dass es in eine Zigarrenschachtel passt, Mille heißen soll. Ihr ganzes Leben hat Mille in Toftum verbracht. Seit fast 40 Jahren hat sie von Mai bis Juli draußen im Watt einen Fischgarten. Immer erst pflanzt sie Kartoffeln, legt Radieschen, Erbsen, Bohnen und sät Salat. Eine Woche später dann wird der Fischgarten aufgebaut, jedes Jahr etwas anders und etwas besser. Hauptsächlich fängt sie dort die Hornfische, die zum Laichen vom Atlantik herkommen. Jahrhundertelang haben sich die Menschen auf Föhr mit Fischgärten ernährt. Heute gelten sie als Stellnetze und sind verboten. Milles Fischgarten ist einer der beiden letzten, und solange sie lebt darf es ihn geben. Bei jeder Ebbe wandert sie über den Deich, das grüne Vorland, den Sandstrand und den Pril hinaus ins Watt um die Reusen zu leeren und die Netze zu flicken. Seit 2001 geht sie nicht mehr allein. Ihre Kinder und Nachbarn helfen ihr. Zuhause werden die Fische gesäubert, sauer gekocht, geräuchert oder frisch gebraten, dann notiert sie in ihrem Fischtagebuch den Fang. Am 6.7.1977: "einen Hundshai in der Reuse. 80 Pfund schwer und 1,40m lang. Den Hai hat Stelly* bekommen und in Formalin erhalten." Den zweiten Hai, am 25.5.1990, gab sie an ein Fischrestaurant in Wyk. Er soll wie Kalbfleisch geschmeckt haben. Das sei überhaupt das Schöne: die Spannung. Ist heute etwas drin? Na, wenn nicht, dann vielleicht morgen.
Es ist nicht alle Tage Fischtag, sagt Mille.

*kleines Museum in Oldsum